B.G. Turner, Autorin 

Wie es zu Lenny vom See kam


Bis zum Jahr 2002 hatte ich nichts von einem Kinderheim in Cighid gehört. Aber dann fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände, der die Zustände in rumänischen Kinderheimen erschütternd beschrieb.

Berührt vom Elend dieser Waisen, wollte ich mich engagieren, einen hellen Lichtkegel setzen auf das unglaubliche Leid dieser Kinder, dessen traumatische Folgen sie bis zum Lebensende begleiten werden.

Die Idee nahm Gestalt an - in Form eines Romans. Erwarten Sie keine politische Geschichte, sie ist es nicht.

Um das schwierige Thema zu entschärfen, erschien mir Fantasy das passende Genre.

So wurde Lenny vom See geboren, ein modernes Märchen, das in den 1970 er Jahren beginnt.

 B.G. Turner


Leseprobe aus Lenny vom See "Die Quelle"

Es war ein grauer Tag, neblig und nass, Regen prasselte an die Scheiben. Mr Yelland unterrichtete Geschichte, ihm gelang es, auch die spannendsten Intrigen und die blutigsten Schlachten gähnend langweilig zu schildern. Mit schwer gewordenen Augenlidern stierte Pete in die Klasse und kämpfte gegen die Müdigkeit an. Hinter ihm schnarchte leise Milt Miller. Am Nebentisch hatte Charly Walker seinen Kopf in die Hände gestützt und döste mit halboffenem Mund. Vorne dozierte Mr Yelland langatmig über die Viktorianische Ära. An den Tischen rechts von ihm wanderte ein heimlich zugeschobener Zettel aus den hinteren Reihen nach vorne zu Claire Nesbitt, die eine Zeitschrift auf dem Schoß hielt und sich Mühe gab, nicht beim Lesen erwischt zu werden. Sie saß auf Cyrils Platz.

Wie immer, wenn Pete an seinen Freund dachte, wurde er trübsinnig. Cyril war vor Kurzem nach London gezogen. Sein Vater arbeitete dort in einer Großbank, seine Mutter als Sozialarbeiterin in einer Kinder- und Jugendhilfe-Organisation. Zwar rief Cyril noch ab und zu bei Pete an, aber es war nicht mehr dasselbe wie vorher, als sie noch im selben Fußball-Team gespielt und für den Mirror, die Schülerzeitung, geschrieben hatten. Cyril für das Ressort Sport (er lieferte auch die Fotos), Pete für Politik.  

Es klopfte. Die Köpfe flogen hoch. Milt Millers Schnarchen brach abrupt ab.

Mr Yelland öffnete die Tür einen Spaltbreit. Draußen stand die Schulsekretärin und flüsterte ihm ein paar Worte zu.

„Lancaster.“

Pete schreckte zusammen. „Ja, Sir?“

„Kommst du bitte, und nimm deine Tasche mit. Du musst nach Hause.“

„Sir?“

„Komm bitte mit.“

„Was ‘n los, Alter?“, flüsterte Charly Walker.

Pete zuckte die Schultern. Er spürte die Blicke seiner Klassenkameraden im Rücken, als er den Raum verließ. Auf dem Flur wurde er von einem Polizisten erwartet.