B.G. Turner, Autorin 

Leseprobe aus "Wildwasser"

Nora von Ravnfjell stand auf dem buckelsteinigen Wehrgang und schaute über das diesige Meer. In langer Dünung liefen kalte graue Wogen auf die Küste zu und brachen sich donnernd an den Felsen. Selbst hier oben konnte sie die Brandung hören. 

Es war kalt. Nora zog den Wollmantel enger um ihre schlanke Gestalt. Ob ich mich jemals an das unheimliche Tosen gewöhne? Nie wollte das beklemmende Gefühl weichen, das sie beschlich, wenn das Meer wie heute brüllte.

Aber auf der Burg fühlte sie sich sicher. Sie legte ihre Hand an die Steine und spürte trotz der Kälte eine fast zärtliche Verbundenheit. Wie ein guter Freund, der Schutz und Geborgenheit bietet, dachte sie. Eine alte Festung, schnörkellos und vierschrötig, fest und unerschütterlich. Es müssen harte, sturmerprobte Kerle gewesen sein, die diesen Trutzbau in den Fels geschlagen haben. Eine mörderische Arbeit.

Nora kniff die Augen vor dem scharfen Wind zusammen und blickte zum höchsten Turm der Burg hinauf, wo die Fahne der Ravnfjeller knatternd im Wind schlug. Toppen er Ravens Malet, des Raben Ziel ist der Gipfel, lautete die Inschrift des Familienwappens, das einen Raben mit grünem Federkranz um den Hals zeigte. Dort oben, an einer windgeschützten Stelle, stand auch die Voliere mit den fünf Kolkraben.Sie fühlten das Unwetter kommen. Die kleinen Körper aneinandergedrängt, hockten sie unter einem dichten Laubdach aus Efeuranken. Nora lächelte. Ihr gefielen die klugen Vögel mit dem schwarz glänzenden Gefieder. Corvin hatte die Zucht angelegt, nachdem er aus Rumänien zurückgekehrt war.