B.G. Turner, Autorin 

Jette, Leseprobe

"Du joggst?" Fassungslos betrachtete ich die gepflegte Sabine. Ihre langen roten Fingernägel, die raspelkurzen blonden Haare, die getuschten Wimpern, den schwarzen Minirock und das eng anliegende Zebra-Top.  Ich konnte sie mir beim besten Willen nicht im ausgebeulten Jogginganzug, schwitzend und mit flachen Laufschuhen vorstellen.

"Aber natürlich", sagte sie mitten in meine Überlegungen hinein. "Von nichts kommt nichts."

"Aber wozu?", fragte ich immer noch überrascht.

"Wozu? Na, ja. Ich fühle mich einfach gut, wenn ich mir den Tagesstress aus dem Leib gerannt habe. Laufen befreit ungemein und last not least glaube ich, beruflich bessere Chancen zu haben."

"Beruflich bessere Chancen", echote ich perplex.

"Ja sicher. Ich will nicht ewig hier bleiben. Ich strebe einen Job als Eurosekretärin in Brüssel an. Und wer sitzt an den entscheidenden Stellen? Männer! Und was mögen Männer? Lange Beine, knackige Hintern. Rote Lippen und praller Busen. Am besten noch lange Haare. Na, daran und am Busen muss ich noch arbeiten." Sie lachte. "Aber für alles andere halte ich mich in Form. Außerdem sollte eine Frau bis 35 unter der Haube sein. Schönheit ist vergänglich. In Brüssel gibt es viele gut situierte Männer. Einer davon wird meiner." Sie stellte die Kaffeetasse ab und betrachtete interessiert ihre Fingernägel. "Denk mal drüber nach und vergeude deine Zeit nicht mit Henry." Während sie energiegeladen mein Zimmer verließ, hob sie rückwärts grüßend die Hand. "Bis später."

Ich konnte nicht anders. Ich starrte auf ihren Hintern und stellte bewundernd fest, dass ihr Joggen ansehnliche Resultate erzielt hatte. Joggen. Half das gegen meine überflüssigen Pfunde? Vielleicht sollte ich es auch mal versuchen. Aber würde ich auch an den richtigen Stellen abnehmen? Ein knackiger Po wär ja ganz schön, aber meinen runden Busen behielte ich eigentlich gerne. Andere Frauen ließen sich für eine größere Körbchengröße Implantate einsetzen. Man hörte die verrücktesten Geschichten von geplatzten Silikonbusen und schielenden Brustwarzen.Glücklicherweise hatte ich das nicht nötig. Den Bauch und die pummelige Taille könnte ich mit längeren Pullis kaschieren, damit wurde auch gleich der Hüftspeck versteckt.